Segeln und Musik zwischen Kaş und Göçek

Donnerstag 24. September 2015. Einhandsegler.

Wenn ich jetzt ins Wasser falle, dann war es das. In der linken Hand das Achterstag fest im Griff, pinkle ich hinten raus ins Wasser – Die Damen mögen meine „Offenheit“ verzeihen – Eine heftige Böe und ich bin für alle Zeit verschwunden.  Selbst für mich als leidlichen Schwimmer ist das Ufer viel zu weit entfernt. Und Merlin würde unter Autopilot alleine weiter fahren, bis der Sprit zu Ende geht oder Felsen seine Reise stoppen.  Mir schleicht ein Schaudern über die Schultern und das Pinkeln wird zur Nervensache.

Vor ein paar Stunden bin ich alleine von der Kaş-Marina aus losgefahren, Kurs Göçek. Morgen schlagen meine Mitsegler und Bandkollegen in Dalaman auf. Ich will sie persönlich vom Flughafen abholen.

Merlin hatte ich schon am Vorabend vor der Abfahrt seetüchtig gemacht. Wenn man alleine unterwegs ist muss man vorausschauend planen. Brote sind gestrichen, die Thermoskanne gefüllt, Ölzeug, Schwimmweste und Lifebelt bereitgelegt.

Vor mir türmt sich eine von der Sonne orange eingefärbte Wolkenwand auf. Ein wunderschönes Naturereignis. Leider entwickelt sich aus dem Schauspiel ziemlich schnell ein stattliches Gewitter. Und nicht nur das. Ich bemerke am linken unteren Wolkenrand einen, wie ein dünner Pfeil aussehenden, Wirbel. Er kommt geradewegs auf mich zu. Oder bilde ich mir das nur ein? Als der zum Schlauch gewordene Pfeil die Wasseroberfläche berührt, wird mir ziemlich mulmig. Es steigt eine riesen Wassersäule auf, mit einigen Metern Durchmesser. Ich gerate ziemlich in Panik. Segel runter, Kurs ändern, alles was lose rumliegt, unter Deck werfen, Schwimmweste und Lifebelt anlegen, Niedergang dicht machen.

Aber so schnell das Naturereignis erschienen ist, so schnell löst es sich auch wieder auf. Gott sei Dank musste ich keine nähere Bekanntschaft machen. Was bleibt, sind die starken Regengüsse. Die Rettungsausrüstung lass ich mal besser an.

Querab Kalkan hört es zu regnen auf und die Sonne kommt zum Vorschein. Am Ufer beginnt ein ewig langer Sandstrand, danach ein Gebiet das sich die sieben Kaps nennt. Ich glaube, es könnten aber auch acht oder neun sein. Dort in der Nähe hat sich schon wieder ein Gewitter gebildet. Gerade jetzt, wo die Klamotten trocken geworden sind.

Knapp zwei Drittel der Strecke sind geschafft. Der Regen lässt nach. Leider auch der Wind. Zum Stabilisieren lasse ich das Großsegel stehen, aber die Hauptarbeit hat längst der Diesel übernommen. Nach dem Kampf mit den Naturgewalten, folgt jetzt der Kampf mit der Sonne. Viel zu spät merke ich, dass ich mir den Nacken verbrannt habe. Um 15:00 Uhr biege ich in den Golf von Fethiye ein. Null Welle, null Wind. Die Wasseroberfläche ähnelt der Plastikplane aus der Augsburger Puppenkiste. Um 16:00 Uhr kündige ich mich schon mal telefonisch bei Volkan, dem Stützpunktleiter von Sail with Friends, an. Eine weitere Stunde später schüttle ich ihm am Steg die Hand. Ich hab es geschafft. Ganz alleine 52 NM von Kas nach Göçek. Einem Weltumsegler kostet das wahrscheinlich ein müdes Lächeln, aber für mich war es ein großes Abenteuer und ich bin richtig stolz.

Freitag 25. September 2015. Immer nur dichtholen.

Meinen gestrigen Erfolg habe ich am Abend an Bord bei einer Flasche türkischen Weißwein gefeiert. Entsprechend zerknittert komm ich mir heute vor. Ein feines Omelett und reichlich Kaffee im Sailor´s Pub helfen mir wieder auf die Beine. Um 11:10 Uhr kommt meine Crew in Dalaman an. Ich fahre ihnen im Shuttlebus entgegen und postiere mich mit einem Namensschild vor dem Flughafeneingang. Die Begrüßung fällt entsprechend lustig aus. Mathias, mein Co-Skipper, hat seine kleine Baßgitarre dabei. Im Koffer könnte auch ein Schnellfeuergewehr Platz haben. Entsprechend zeitraubend sind jedes Mal die Zollkontrollen.

Die Einweisung an Bord fällt relativ einfach aus. Thomas, T2 genannt und Sänger unserer Truppe sowie Mathias waren schon öfter mit dabei und kennen sich perfekt an Bord aus. Hartmut der vierte im Bunde wird, während wir ein kühles Begrüßungsbierchen einnehmen, instruiert. Er war noch nicht mit an Bord, hat aber eigentlich die meiste Segelerfahrung von uns allen incl. Atlantiküberquerung.

Am Nachmittag sehen wir uns Göçek an. Aus dem einstigen Fischerdorf in den 80er Jahren ist eine quirlige Touristenstadt geworden.  Auch wenn der Rummel nicht zu meinen Urlaubsfreuden gehört, man kann dort gut shoppen und essen gehen.

Beim Mittagessen im Restaurant wird die Einkaufsliste erstellt und wir stopfen MERLIN mit Proviant voll. Freitags ist, was man im Winterurlaub „Bettenwechsel“ nennt. Alle Charteryachten laufen am Nachmittag ein und werden gründlich gecheckt. Hektik kommt auf. Und Jeder will, nach einer oder zwei Wochen Törn,  der Erste in der Dusche sein. Der letzte Abend an Bord wird bei den Chartergästen dann auch entsprechend laut und überschwänglich gefeiert.  Wir mischen eifrig mit und machen Livemusik an Bord.

Samstag, 26. September 1015hPa. Nächtliches Männleinlaufen.

Ab 4:00 Uhr ist an Schlaf kaum mehr zu denken. Vom Steg aus tippeln ganze Heerscharen zur Toilette und wieder zurück. Bei der Rückkehr kreuzen sich ihre Wege mit Seesackbepackten Zeitgenossen. Die zum Transport bereit gestellten Transportwägen erzeugt ein Rattern das selbst den Steg in Schwingungen versetzt. Schlaftrunken dauert es einige Zeit, bis ich begreife was da abgeht. -Na klar- die Leute müssen alle zum Flieger. Kaum wieder eingeschlafen, beginnt ein reges Geschnatter am Steg. Die Putzmädels beginnen die Yachten zu reinigen und die ersten Neuankömmlinge treffen ein. Das ist nicht gerade entspannend, zeugt aber davon, dass das Chartergeschäft bei Sail with Friends sehr gut läuft und bestens organisiert ist.

Bevor uns die neuen Charterkunden überrumpeln, verabschieden wir uns von Judith und Volkan und laufen fasst unbemerkt aus. Im Golf von Fetyie herrscht leichter Segelwind. So kann sich die Crew  optimal ans Schiffsleben gewöhnen. Ab 14:30 Uhr wird´s „flautig“ und wir versuchen noch unter Segel die Durchfahrt bei der Insel Tersane und Domuz zu erreichen.
Dahinter, in der Göcek-Bucht, tummeln sich sehr viele Yachten. Es hat sich herum gesprochen, dass diese Ecke der Türkei eines der schönsten Segelgebiete beherbergt. Gegen 17:00 Uhr ergattern wir noch einen Ankerplatz in Nähe der Sarsallabucht. Der Grund fällt schnell und steil ab. Wir müssen einige Ankermanöver fahren, erschwert von den Badegästen, die um uns planschen und vom Gullet nebenan stammen. So sind wir nicht böse, dass eine große Motorjacht ablegt und wir zu seiner frei werdenden Boje verholen. Der Anleger wird noch mal ganz lustig, da die Landleine wegen einiger Zentimeter nicht mehr bis zu unserer neuen Position an der Boje reicht. Abends kocht uns T2  zweierlei Nudeln mit Tomaten-Tunfisch-Sauce. Quasi mit Penne gefüllte Maccaroni.  Diese Füllung muss uns erst mal jemand nachmachen. Wir sitzen noch lange an Deck und stoßen auf die ersten 14 Seemeilen an.

Sonntag, 27. September. 1015 hPa Guten Morgen Sonnenschein.

Ein Song haut uns aus den Kojen. T2 will sich offenbar täglich von Vicki Leandros wecken lassen. Der fürchterliche Song muss aus den 60ern stammen und passt so gar nicht in unser Repertoir. Wir frühstücken ausgiebig und trennen uns erst gegen 11:00 Uhr von unserer Boje. Unter Motor geht es zwischen den Inseln Kapi Creek und Domuz Adasi raus aus der Bucht und zurück in den Golf von Fetyie. Wir verbringen den ganzen Segeltag im Golf und biegen erst am Abend in Richtung Postkartenstrand von Ölüdeniz ein. Hier hab ich schon häufig gelegen, dem regen Treiben am Strand zugesehen und mich, als Pilot, von den Gleitschirmfliegern inspirieren lassen. Nur diesmal steht derart Schwell in die Bucht, dass wir uns nach einer Alternative umsehen. Ein hilfsbereiter Fischer mit seinem Boot bietet seine Dienste an. Er hilft beim Festmachen nahe am Felsen. Als wir ihm ein Trinkgeld geben wollen, macht er den Gegenvorschlag uns fangfrischen Tunfisch zuzubereiten. Klingt abenteuerlich, aber wir lassen uns nach einigen Preisverhandlungen darauf ein. Er dockt längsseits bei uns an und beginnt sofort mit kochen und grillen.

Es gibt gegrillte Auberginen, Fisch mit Reis und Salat und einen kühlen Schluck Weißen dazu. Kapitän Osmann entpuppt sich als Multitalent. Selbst als er schon längst wieder abgelegt hat, sprechen wir noch über das ausgezeichnete Abendessen. Es folgt eine herrliche Vollmondnacht. LOG 15296.

Montag 28. September. 7:30 Uhr, 1015 hPa, dünne, aber geschlossene Schichtbewölkung.

Wir legen zeitig ab und wollen nun doch ein gutes Stück Richtung Südosten vorankommen. Zunächst geht es unter Motor vorbei an den sieben Kaps, dann setzen achterliche Winde ein und wir segeln Schmetterling. Bei der Tour-Vorbereitung am Morgen hatte ich drei Wetterberichte mit drei grundsätzlich unterschiedlichen Meinungen. Jetzt um die Mittagszeit sind sich alle einig. Gewitter und Starkwind sind für Nachmittag und Abend angesagt. Niemand wiederspricht mir, als ich vorschlage, am geplanten Tagesziel Kalkan vorbei zu segeln und bis Kas-Marina durchzufahren. Wind und Welle werden stärker und wir rauschen am Nachmittag an Kalkan und unbewusst sogar an der Kas-Marina vorbei. Als ich vom Mittagsschläfchen erwache, sind wir bereits in Mais Adasi. Das zurückkreuzen gegen den Wind wird dann richtig sportlich, so wie es T2 am liebsten hat.

Um 16:15 Uhr legt Mathias bei über 20kt Wind gekonnt am Steg G der Kas-Marina an. Die Gewitter bleiben am Abend aus. Zumindest in unmittelbarer Umgebung. Nach nur 12 Minuten Gehweg erreichen wir die Altstadt und lassen uns in Hasans Restaurant verwöhnen. Es war mein dritter Besuch dort, und ich hatte den Eindruck, man kennt mich schon. Noch ein kurzer Absacker an Bord. Alle sind ziemlich müde.

Log. 15339 (43NM)

Dienstag 29. September. Segeln bis das Bimini reißt.

In der Nacht ist der Wind eingeschlafen. Das Aufstehen ist ein schleichender Prozess. Selbst Nana Mouskuri bringt uns nicht mehr aus der Ruhe. Die Sonne lacht vom stahlblauen Himmel. Mathias und Hartmut philosophieren am Bug über das Segeln. Fachausdrücke, Formeln, die wildesten Theorien werden aufgestellt, kritisch hinterfragt und wieder verworfen. Beide schenken ihrer Umgebung kaum noch Aufmerksamkeit. So wird es 11:45 Uhr bis wir aus der Marina los kommen. Der Wetterbericht warnt abermals vor heftigen Gewittern. So wollen wir auch die kommende Nacht in die Marina zurückkehren und nehmen uns als Tagesaufgabe die Umrundung der Insel Kastelorizon vor. Hartmut, mit seiner Segelerfahrung, zeigt uns immer wieder worauf es beim optimalen Segeltrimm ankommt. Ich bin ja eher so der träge Typ in puncto Trimmen, lerne aber in dieser Woche gerne einiges dazu. Der Wind nimmt stetig zu und steigert sich am Nachmittag auf 35kt mit entsprechend hoher Welle. Wir machen beim Kreuzen nicht allzu viel Höhe, sind aber ehrgeizig bei der Sache. Mit dem zweiten Reff in Groß und Genua schießen wir immer noch flott durch die Düse zwischen Festland und Insel. Das geht so weit, dass sogar unser Bimini einreißt. Ein richtig geiler Ritt.  Irgendwann nach unzähligen Wenden reicht der Abstand zur Festlandszunge aus, um zurück zur Marina zu steuern. Wir waren sowieso die letzten die bei dem Wetter noch draußen unterwegs sind. Um 16:30 Uhr sind wir zurück am Steg und haben rein zur Gaudi und unter erschwerten Bedingungen 27 Seemeilen zurückgelegt. Abends lassen wir es uns im Dolpin Retaurant in Kas richtig gut gehen, während ein Segelmacher unser Bimini wieder zusammen flickt.

Mittwoch, den 30. September. 08:00 Uhr 1013 hPa

Die Wetterberichte variieren immer noch stark. Aber in Einem sind sie sich einig. Es soll am Abend keine Gewitter mehr geben. So können wir wohl doch noch in die Kökova-Bucht fahren. Zuvor entleeren wir an der Abpumpstation unseren Fäkalientank. In einigen Gebieten der Türkei legt man mittlerweile sehr viel Wert auf Umweltschutz.

Es herrscht totale Flaute. Mathias zieht unter Motor einige Kreise durchs Wasser und erklärt Hartmut sämtliche physikalische und aerodynamische Kräfte die derzeit auf das Boot einwirken. Es ist erstaunlich, wie akademisch man selbst die einfachsten Vorgänge betrachten kann. Ein Fischer winkt uns. Er hat zwar Zigaretten bei sich, aber kein Feuer. Da können wir aushelfen. Voll besegelt aber mit wenig Wind tümpeln wir langsam unserem Ziel entgegen und verbringen die Zeit mit plaudern, dösen, essen, trinken und mit der Verhütung von Sonnenbrand. Eine HR schippert in Zeitlupe an uns vorbei.  Die 10 Grad Kursunterschied machen sie glatt 0,1 kt schneller. Am Festland entwickeln sich stattliche Gewittertürme und es grollt zu uns herüber. Soviel zum Thema Wetterbericht. Wir biegen gegen 15:00 Uhr in den Kekova Körfezi ein und haben längst die Segel eingeholt. In der westlichen Bucht ankern wir frei schwojend auf 12,5 Meter Wassertiefe.  Trotz Flaute sind wir 23 Meilen gesegelt. Abends gibt es Kapitäns-Dinner und anschließend eine Bandprobe an Deck.

Wir müssen üben, schließlich ist morgen ein großer Auftritt. Die Dunkelheit ist von Blitzen und Donnern durchsetzt, aber das Wetter Richtung Antalya kommt nicht näher. Die laue Nacht lädt zu einem Bad im Mondschein ein.

Donnerstag, den 1. Oktober. 1015 hPa

Um 7:00 Uhr heißt es Anker auf. T2 fährt uns aus der Bucht. Auch Außerhalb weht kein Windchen. Um 10:00 Uhr befinden wir uns querab der kleinen Inseln vor Kastelorizon. Wir lassen uns motorlos treiben. Es ist die letzte Gelegenheit zu einem Bad im Meer. Um 11:00 Uhr geht es unter Motor zurück zur Marina. Mittag legen wir an unserem Steg G Platz 27 an. Wir haben bisher 195 NM zurückgelegt. Den Nachmittag verbringen wir am Pool bei Pizza und Corona. Und nachdem Alles im Leben noch steigerungsfähig ist, bereitet uns Hartmut als Nachtisch Kaiserschmarrn mit Mango-Kompott an Bord zu.

Am Abend geben wir in einer Taverne in der Nähe der Marina ein Livekonzert. Als Gage gibt es Bier, Wein und Raki. Eine tolle Segelwoche geht zu ende,  Morgen geht´s wieder zurück.

 


Unsere Bavaria 33 MERLIN kann zur Saison 2017 ab Göçek bei PITTER Yachting gechartert werden und steht für tolle Segelabenteuer bereit.